Weltverschwörung mit religiösen Zügen

Emotionale Musik und Bilder. Eine Vision von Frieden, intakter Natur, ganzheitlichem Gesundheitssystem, Gerechtigkeit, „sicheren Straßen“, hohem Wohlstand für alle und Freiheit. Das alles würde durch das „simple Prinzip“ erreicht, dass „der Schiedsrichter nicht Teil des Konfliktes sein darf“. Für Insider ist das der Hinweis auf die „satanische Elite“, die angeblich schon lange die Geschicke dieser Welt bestimmt. Dieser Nachspann, den der Verschwörungstheoretiker Oliver Janich an jedes seiner youtube-Videos hängt, hat mich nachdenklich gemacht. Ist dieser Verschwörungsglaube vielleicht sowas wie eine moderne Religion?

Eine deutliche Parallele sehe ich zu einer Strömung des frühen Christentums, der „Gnosis“. Der Begriff „Gnosis“ (Griechisch für „Erkenntnis“) ist ein Sammelbegriff für verschiedene sektiererische Aufbrüche in den ersten 3 Jahrhunderten des Christentums. Es gab sie jedoch in gewisser Weise auch schon vor dem Christentum und immer wieder auch in anderer, nichtchristlicher Form. Die vermutlich wirkmächtigste Form des christlichen Gnostizismus findet sich in der zeitweisen Weltreligion der Manichäer, gegründet von dem Perser Mani im 3. Jahrhundert.

Laut dem Kirchenhistoriker Wolf-Dieter Hauschild, lässt sich das Wesen der Gnosis mit sechs allgemeinen Merkmalen charakterisieren.

  1. Unterscheidung zwischen gutem und bösem Gott (Dualismus).
  2. Aufteilung der Menschen in zwei Klassen: Erleuchtete Lichtmenschen und Menschen der Finsternis.
  3. Aussicht auf endzeitliches Heil für die Auserwählten, und Verderben für die anderen.
  4. Glaube an eine Erlösergestalt, die die Gnostiker in die Wahrheit und ins Heil führt.
  5. Annahme eines Kampfes zwischen Gut und Böse, der in den gegenwärtigen Zwischenzustand der „Vermischung“ geführt hat
  6. Komplexe und Insidern vorbehaltene Mythen.

Vergleichen wir das nun mit dem modernen Verschwörungsglauben. Eindeutiges Merkmal der Verschwörungsgläubigen ist ein starker Dualismus. Durch die Bank findet sich die Annahme, dass es eine böse, satanische Elite gibt, die heimlich die Geschicke der Welt führt. Bill Gates, Angela Merkel, Barack Obama, die Rothschilds, die Juden allgemein, das englische Königshaus, der Papst oder wer auch immer. Diese Menschen und Mächte werden nicht direkt mit einem bösen Gott identifiziert. Aber mir fällt auf, wie diesen Menschen eindeutig göttliche Attribute zugeschrieben werden: zum Beispiel Allmacht (bislang zumindest konnten sie im Geheimen die Welt regieren), Allwissenheit (alles ist geplant), und Allgegenwart (überall in den Zentren der Macht sitzen sie). Das finde ich problematisch: weder im positiven noch im negativen Sinn sollte man Menschen vergöttern. Andererseits gibt es glasklare Protagonisten, wie Donald Trump oder die AfD, die als Lichtgestalten erscheinen, weil sie die böse Elite bekämpfen. Und so wie die dunkle Seite als von Grund auf böse erscheint, ist die vermeintlich helle Seite über jegliche Kritik erhaben. Es gibt keinen Platz für Grautöne.

Auch die Aufteilung der Menschen in zwei Klassen lässt sich unschwer beobachten: Während Verschwörungsgläubige sich als Erweckte betrachten, die die Wahrheit entdeckt haben, sind die Mainstream-Presse Hörigen „Schlafschafe“. Auch manche Christen mögen in ähnlichen Schubladen denken, doch das ist aus meiner Sicht geistlicher Hochmut. Frère Roger, der Gründer der Kommunität Taizé, sagte es mal in etwa so: Die Schere zwischen Glauben und Unglaube geht quer durch die gesamte Menschheit – unabhängig von der Religionszugehörigkeit oder auch Nicht- Zugehörigkeit. Hier habe ich einmal über dieses Phänomen etwas geschrieben.

Die Vision des endzeitlichen Heils liefert Janich mit seinem Nachspann überdeutlich: Man muss nur die böse Elite (also die satanische Macht) beseitigen und dann bricht der große Friede aus. Hier frage ich mich immer etwas bange, welche Mittel er oder seine Anhänger dafür in Kauf nehmen würden, um dieses Ziel zu erreichen. Diverse Amokläufe gab es ja schon. Dass diese Vision von einem übernaiven Menschenbild gekennzeichnet ist, liegt für mich aus christlicher Sicht auf der Hand. Eine solche Vision kann nur glauben, wer das eigene innewohnende Potential zum Bösen aus seinem Bewusstsein verdrängt hat und sie ganz den vermeintlichen Erzbösewichten in die Schuhe geschoben hat. Wir sind alle Sünder und das Problem des Bösen lässt sich nicht beseitigen, wenn man bestimmte Menschengruppen beseitigt. Ein fataler Fehlglaube, dem schon die Nazis angehangen haben, mit furchtbaren Folgen. Auch letztere kann man übrigens als politische Spielart der Gnosis betrachten.

Der Glaube an eine Erlösergestalt – wie bei den christlichen Gnostikern Jesus Christus – sehe ich aktuell noch nicht bei den Verschwörungsgläubigen. Allerdings gibt es wie bei den Manichäern eine Kaste der Gurus („electi“), die ihre Hörer („auditores“) in ihre Geheimnisse einführen. Das sind aktuell Menschen wie Oliver Janich, Attila Hildmann, Xavier Naidoo, Coach Cecil und Ken Jebsen (es gibt noch viel mehr, aber das sind die, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind). Auch sie „erlösen“, indem sie Menschen ins Licht, in die Wahrheit führen. Youtube Videos sind das Lockmittel – und wie in der Gnosis kann man beliebig tief einsteigen, wenn man sich dann noch Telegramm holt. Meistens sind die tieferen „Wahrheiten“ allerdings, wie im Falle Janich mit Kosten verbunden. Eine weitere Erlösergestalt ist der „Informant“ der QAnon-Bewegung, der wiederum Donald Trump als Kämpfer des Lichts und in gewisser Weise auch als Erlöser stilisiert.

Der Kampf zwischen Gut und Böse, das ist wie in der Gnosis auch das Kernthema der Verschwörungsgläubigen. Ein Beispiel ist die Erzählung, dass Trump und Co Corona nutzen, um Kinder aus den Fängen böser satanischer Eliten zu befreien. Hier sehe ich eine Parallele zur manichäischen Erzählung von den in der Materie gefangenen Lichtteilchen, die von den auserwählten Lichtmenschen befreit werden sollen. Dies geschah durch bestimmte Rituale und vor allem durch Askese – Attila Hildmann fände es sicher interessant, dass die Manichäer Vegetarier waren…

Es ist absolut korrekt von „Verschwörungsmythen“ zu sprechen, denn letztlich geht es auch bei Verschwörungsgläubigen nicht wirklich um Fakten. Es ist aus meiner Sicht kein Zufall, dass schlampig gefälschte Fotos und Videos, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, Verkettung völlig zusammenhangloser Dinge (wie z.B. das Phänomen des Satanismus mit einer politischen Klasse oder gar pauschal mit den Juden) für die Gläubigen offenbar ausreichend sind, um das Mythengerüst zusammenzuhalten. Entscheidende Glaubwürdigkeit bieten nicht die „Fakten“, sondern bietet die Überzeugungskraft des Mythos.

Mein Fazit: Der sich aktuell aufschwingende Verschwörungsglaube ist genau das, was dieser Begriff nahelegt: ein Glaube, mit Zügen einer Religion. Die Parallele zur christlichen Gnosis ist insofern spannend, weil sie deutlich macht, dass die hilfreiche Arbeit der Faktenfinder noch nicht die letzte Antwort auf dieses Phänomen sein kann, sondern Theologen und Religionswissenschaftler gefordert sind. Immerhin gibt es zahlreiche Erfahrungen im Umgang mit der Gnosis aus der Kirchengeschichte und wir blicken auf eine lange Tradition der Auseinandersetzung mit anderen Religionen und auch des interreligiösen Dialogs zurück. Ich bin sicher, dass sich daraus viel lernen lässt, wie wir heute mit dem Verschwörungsglauben umgehen können. Dieser Spur möchte ich in einem späteren Blogeintrag folgen.

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