Verschwörungsmythen auf dem Vormarsch

„Nur noch kurze Zeit, dann wird die ganze Welt es sehen.“ So oder so ähnlich raunen es derzeit zunehmend viele in die Weiten der sozialen Medien. Eine neue Weltordnung wird etabliert werden, wahrscheinlich durch den Messias namens Donald Trump. Eine satanisch-böse Weltelite aus reichen Juden, Hollywoodstars und anderen Liberalen wird in diesem Zuge vernichtet und ihre bösen Machenschaften werden der Welt vor Augen geführt werden. Zu diesen bösen Machenschaften gehört – neben dem heimlichen Regieren der Welt – das Entführen, Foltern und Töten von Kindern, letztlich mit dem Ziel das eigene Leben etwas zu berauschen und zu verlängern.

Klingt absurd? Absolut. Aber trotzdem gibt es gerade in dieser Corona-Zeit einen explosionsartigen Zuwachs an Anhängern solcher Mythen. Sichtbar wird das unter anderem an dem indirekten youtube-Bekenntnis von Xavier Naidoo zu dem derzeitigen Leitmythos rund um den angeblichen Informanten „QAnon“, durch das der gerade angerissene Verschwörungsmythos im deutschsprachigen Raum noch populärer wird.

Ich möchte in diesem Beitrag unter drei Gesichtspunkten auf Verschwörungsmythen blicken und zeigen, weshalb sie vielen zwar attraktiv erscheinen aber gleichzeitig irrational und gefährlich sind. Zunächst schreibe ich aus psychologischer Sicht, dann mit Blick auf die Faktenlage und zuletzt aus theologischer Sicht.

Der Mythos als Antwort auf unsere Sehnsucht nach Halt?

Psychologisch kann ich die Erfolgsstory der Verschwörungsmythen derzeit gut nachvollziehen. Wenn die Welt immer chaotischer und unübersichtlicher wird, wenn ich mich selbst als Spielball von unkontrollierbaren Mächten wahrnehme, dann entsteht eine tiefe Sehnsucht nach Halt. Dieses Bedürfnis wird in unserer Zeit immer größer denn Globalisierung, Individualisierung, Pluralisierung und Säkularisierung sind die vorherrschenden Megatrends. Sie alle fördern die Unübersichtlichkeit der Welt, stellen alte Orientierungsmaßstäbe in Frage, erschüttern haltgebende Institutionen und Weltbilder. Wenn dann wie jetzt noch eine humanitäre Bedrohung, wie die Corona-Pandemie, hinzukommt, wirkt das wie ein Brandbeschleuniger. Die Angst und Verlorenheit angesichts der Situation wachsen und Menschen greifen gerne zu, wenn man ihnen ein Gerüst anbietet, dass die Welt wieder erklärbar und verständlich macht. Es geht also um die (gefühlte) Wiedererlangung von Kontrolle in einer unkontrollierbaren Welt.

Umso attraktiver macht die aktuelle Variante der Verschwörungsmythen, dass sie nicht nur eine fertige Theorie liefern, sondern die je eigene Fantasie befördern. QAnon, der geheime Informant, der seit 2017 das aktuell dominanteste Verschwörungsnarrativ anheizt, liefert keine fertigen Erzählungen, sondern nur kryptische Andeutungen. Diese wiederum werden von selbsternannten Experten dann weiterverarbeitet zu plausibel klingenden Geschichten. Einer davon ist etwa Oliver Janich, der regelmäßig hunderttausende Fans mit seinen Videos erreicht und daraus guten Profit zu schlagen scheint.

Auch eine gewisse menschliche Faszination an Grausamkeit mag eine Rolle spielen – aus der sicheren Distanz derjenigen, die sich auf der „guten Seite“ wähnen. Wer sich wieder und wieder den Erzählungen über abgründige Grausamkeiten einer satanischen Elite aussetzt, der empfindet das mitunter vielleicht auch einfach als unterhaltsam und spannend – ähnlich wie viele auch Horrorfilme oder Thriller gerne schauen.

Und wie ist die Faktenlage?

Der Ernst der Lage ist allerdings eine andere als im Horrorfilm. Konsumenten der Verschwörungsmythen sehen sich nicht einem Film, sondern einer dokumentierten Realität ausgesetzt. Dass Xavier Naidoo angesichts vermeintlich gefangener Kinder in Tränen ausbricht, verwundert mich nicht. Ich denke schon, dass er echte Trauer empfindet, da er wirklich diese Mythen glaubt. Ähnlich emotionsgeladen kann man sich entsprechend auch die weitere Anhängerschaft dieser Mythen vorstellen.

Youtube Berichterstattung über Xavier Naidoos jüngste Videobotschaften

Aber was ist eigentlich dran an all den „Fakten“ die im Umlauf sind. Um hier nicht zu sehr ins Detail zu gehen, möchte ich nur drei grundsätzliche Beobachtungen teilen:

Erstens: Viele der Fakten sind in der Tat plump bis gewitzt konstruierte fake news. Mal sind es überarbeitete Fotos aus Filmen, aus dem Kontext gerissene oder bewusst falsch wiedergegebene und interpretierte Zitate oder einfach Behauptungen aus einer vollkommen unseriösen Quelle (z.B. der angebliche regierungsnahe Informant QAnon). Empfehlen kann ich für Faktenchecks die Seite https://www.mimikama.at.

Hier ein Interview mit dem Mimikama Faktenchecker André Wolf

Zweitens: Andere Fakten auf denen aufgebaut wird, sind dagegen solide. Etwa, dass der Milliardär Jeffrey Epstein minderjährige Frauen in großem Stil missbraucht hat oder dass es tatsächlich satanistische Kulte, auch in Deutschland, gibt, in deren sadistischen Ritualen Kinder auf furchtbare Weise misshandelt werden. Eine echte Auseinandersetzung mit den wahren Schicksalen der Betroffenen rückt für den Verschwörungsmystiker allerdings eher in den Hintergrund, denn

Drittens: Die Frage nach dem was zuerst da war, die Henne oder das Ei, kann man in Blick auf die Verschwörungsmythen grundsätzlich so beantworten: erst war die Erzählung. Diese ist das Entscheidende – alles weitere, echte oder falsche Fakten, werden gezielt gesucht oder erstellt, als Mittel zum Zweck, um die Geschichte weiter zu unterfüttern. Auch wenn es nach außen genau anders herum kommuniziert wird. Entscheidend an den verarbeiteten Fakten ist demnach nicht, was genau die Opfer für Schicksale erleiden und was die wirklichen Hintergründe und Folgen sind – sondern, dass die Puzzleteile sich besonders gut in das ganze einpassen lassen.

Zum Hintergrund des aktuellen „QAnon-Verschwörungsmythos“ möchte ich abschließend noch darauf hinweisen, dass es sich im Grunde um eine modernisierte Auflage der antisemitischen Ritualmordlegende aus Pestzeiten handelt. Die Erzählung von reichen Juden, die das Blut von Kindern trinken, weil sich darin ein verjüngendes und berauschendes Mittel befinden soll (Andrenochrome), knüpft nahtlos an die in ihren Folgen verheerenden Mythen des Mittelalters an. Das halte ich für äußerst gefährlich und für tatsächlich satanisch, führt man sich nur vor Augen, dass wir in Europa aufgrund solcher Mythen eine direkte Linie von mittelalterlichen antijüdischen Pogromen bis hin zur Massenermordung von Juden im 20. Jahrhundert ziehen können. Hierzu empfehle ich den Podcast „Verschwörungsfragen“ des Beauftragten gegen Antisemitismus in Baden-Württemberg, Michael Blume.

Wie eine Religion

Ein letzter Gedanke, der für mich als Theologen überdeutlich hervortritt, ist, dass es bei den Verschwörungsmythen und ihren Anhängern viele Strukturparallelen zur Religion gibt, insbesondere zur frühchristlichen Gnosis, wie ich meine. Das Weltbild ist streng dualistisch, d.h. es gibt eine gute und eine böse Seite. Es gibt einen Erlöser, einen Messias, der das Böse besiegen wird (in diesem Fall kurioserweise: Donald Trump). Und es gibt eine „Eschatologie“, das heißt eine „Lehre von den letzten Dingen“. Am Ende der Tage (wir sind kurz davor) wird die böse Weltelite besiegt werden und ein ewiges Friedensreich wird herrschen. Durch den Sieg über die satanische Elite wird Frieden sein, Wohlstand für alle, keine Kriminalität mehr, eine intakte Natur, und so weiter.

Um insbesondere Christen mit diesen Mythen anzusprechen, werden gerne religiös bedeutungsschwere Begriffe wie „The Great Awakening“ (die große Erweckung) verwendet oder Bilder aus der Offenbarung des Johannes (das letzte Buch im neuen Testament) nach eigenem Gutdünken und Weltbild „ausgelegt“. Das allerdings auf eine vollkommen unsachliche und wie auch bei den beanspruchten „Fakten“ auf eklektische Art und Weise: das heißt, Maßstab ist nicht das, was die Bibel wirklich aussagen will, sondern ich habe eine Theorie und suche mir in der Bibel das heraus, was sie scheinbar erhärtet.

Als Pastor und Seelsorger möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich vor diesen Mythen warnen. Aus meiner Sicht stellt es im wahrsten Sinne des Wortes eine „Irrlehre“ dar. Sie führt Menschen in die Irre und letztlich weg von Gott und von dem Vertrauen, mit dem er uns erfüllen möchte. Jesus haben wir das Gleichnis mit dem Baum uns seinen Früchten zu verdanken: „So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte.“ (Matthäus 7,17).

Jeden, der sich hingezogen fühlt zu solchen Mythen, den möchte ich fragen: welche Frucht bringen sie in eurem Leben? Ich bin der Überzeugung, dass sie zwar anfangs scheinbaren Halt und Orientierung geben mögen, letztlich aber vor allem schlechte Frucht hervorbringen. Sie schüren Angst (um eigene Angehörige und das eigene Wohlergehen), sie schüren Hass (z.B. auf eine vermeintliche satanische Elite), sie aktivieren Neid (z.B. auf reiche Menschen), sie führen soziale Brüche herbei, da sie nur in gleichgesinnten Kreisen auf Akzeptanz stoßen. Im schlimmsten Fall, und leider gibt es schon eine ganze Reihe solcher Beispiele, führen sie zu Gewalt. Sowohl der Attentäter von Halle im Oktober 2019, als auch der Amokläufer von Hanau im Februar dieses Jahres hatten ihr Weltbild aus derartigen Mythen gebastelt.

Echten Halt, der gute Früchte tragen wird, finden wir im Glauben an Jesus. Im Vertrauen auf einen guten Gott, der diese Welt regiert (nicht irgendwelche kleinen Menschlein), der wirklich das Übel dieser Welt besiegt und der uns das verbürgt hat mit der Auferstehung Jesu von den Toten. Aufgrund dieser Osterbotschaft brauche ich keinen falschen Messias, sondern nur den einen auf den ich vertraue und ganz zuversichtlich sagen kann: er wird alles zum Guten führen.

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